Es gibt ein Organ, das der Körper nur für eine einzige Aufgabe baut und danach wieder abgibt: die Plazenta. Ohne sie könnte kein Baby im Bauch wachsen. Sie liefert Sauerstoff und Nährstoffe, entsorgt Abfallstoffe und produziert nebenbei die Hormone, die eine Schwangerschaft überhaupt aufrechterhalten.
Trotzdem wissen viele Schwangere lange nur, was im Mutterpass bei den Ultraschalluntersuchungen notiert wird: Vorderwand oder Hinterwand. Zeit, sich dieses bemerkenswerte Organ einmal genauer anzusehen.
Ein Organ auf Zeit: Wie die Plazenta entsteht
Alles fängt winzig an. Wenn sich die befruchtete Eizelle etwa eine Woche nach der Befruchtung in der Gebärmutterschleimhaut einnistet, besteht sie aus zwei Zellgruppen: Aus der einen wird der Embryo, aus der anderen entwickelt sich die Plazenta samt Fruchtblase. Dass rund um diese Einnistung manchmal eine leichte Blutung auftritt, ist übrigens kein Warnsignal, sondern ein bekanntes Begleitphänomen; mehr dazu steht in unserem Beitrag zur Einnistungsblutung.
Die jungen Plazentazellen wachsen mit feinen, wurzelartigen Ausläufern in die Schleimhaut hinein. Fachleute nennen diese Ausläufer Zotten. Über sie entsteht die riesige Austauschfläche, über die Mutter und Kind später Stoffe weitergeben, ohne dass sich ihr Blut vermischt.
In den ersten Wochen teilen sich Plazenta und Eierstöcke noch die Hormonproduktion. Ab etwa dem vierten Schwangerschaftsmonat übernimmt die Plazenta diese Aufgabe vollständig und wächst danach mit dem Bedarf des Kindes mit.
Was die Plazenta Tag für Tag leistet
Stellen Sie sich die Plazenta als Grenzstation mit Lieferservice vor. Aus dem mütterlichen Blut nimmt sie Sauerstoff und Nährstoffe wie Zucker, Eiweißbausteine, Vitamine und Mineralstoffe auf und gibt sie über die Nabelschnur an das Kind weiter. In der Gegenrichtung transportiert sie Kohlendioxid und Abfallprodukte des Kindes zurück, damit der Körper der Mutter sie ausscheiden kann. Wie familienplanung.de zur Entwicklung in der 9. bis 12. Schwangerschaftswoche beschreibt, wächst die Plazenta dabei mit dem steigenden Versorgungsbedarf des Fötus mit.
Gleichzeitig arbeitet sie als Hormondrüse. Sie bildet unter anderem Progesteron und Östrogene, die die Schwangerschaft stabil halten und den Körper der Mutter auf Geburt und Stillzeit vorbereiten.
Eine vollständige Schutzbarriere ist sie dagegen nicht. Manche Stoffe gelangen ungehindert zum Kind, darunter Alkohol und Nikotinbestandteile, aber auch einige Medikamente und Krankheitserreger. Genau deshalb gelten in der Schwangerschaft bei Medikamenten und Genussmitteln besondere Regeln.
Austausch ohne Blutvermischung: der Aufbau
Bemerkenswert ist die Konstruktion. Das Blut der Mutter umspült die Zotten der Plazenta, das Blut des Kindes fließt in feinen Gefäßen innerhalb dieser Zotten. Zwischen beiden Kreisläufen liegt nur eine dünne Zellschicht, dünn genug für den Stoffaustausch, aber getrennt genug, dass sich die Blutgruppen von Mutter und Kind nicht in die Quere kommen.
Am Ende der Schwangerschaft ist aus der winzigen Zellgruppe eine flache, runde Scheibe geworden. Sie misst etwa 15 bis 20 Zentimeter im Durchmesser, ist in der Mitte zwei bis drei Zentimeter dick und wiegt um die 500 Gramm. In ihrer Mitte oder leicht daneben setzt die Nabelschnur an, die mit ihren drei Gefäßen die Verbindung zum Kind herstellt.
Vorderwand, Hinterwand, Muttermund: was die Lage bedeutet
Wo genau die Plazenta andockt, entscheidet sich bei der Einnistung und ist weitgehend Zufall. Liegt sie an der Vorderseite der Gebärmutter, spricht man von einer Vorderwandplazenta. Kindsbewegungen sind dann oft etwas gedämpfter zu spüren, weil der Mutterkuchen wie ein Polster vor dem Bauch des Kindes liegt. Eine Hinterwandplazenta an der Rückseite ist genauso normal und hat keinen Nachteil.
Aufmerksam werden Ärztinnen und Ärzte, wenn die Plazenta tief sitzt und den inneren Muttermund teilweise oder ganz bedeckt. Diese Placenta praevia kann Blutungen verursachen und macht, wenn sie bis zur Geburt bestehen bleibt, einen Kaiserschnitt nötig. In vielen Fällen erledigt sich der Befund von selbst: Die Plazenta wandert zwar nicht aktiv, aber weil die Gebärmutter vor allem im unteren Bereich stark wächst, verschiebt sich ihre Position relativ zum Muttermund nach oben. Deshalb wird eine tief sitzende Plazenta zunächst nur kontrolliert.
Nach der Geburt: die Nachgeburtsphase
Mit der Geburt des Kindes ist die Arbeit der Plazenta getan, aber noch nicht ihr Auftritt vorbei. In der Nachgeburtsphase zieht sich die Gebärmutter weiter zusammen, die Plazenta löst sich von der Wand und wird zusammen mit den Eihäuten ausgestoßen. Wie gesund.bund.de den Ablauf der Geburt schildert, ist diese Phase ein fester Teil jeder Geburt, auch wenn sie neben dem Neugeborenen fast vergessen wird.
Hebamme oder Ärztin prüfen die ausgestoßene Plazenta sorgfältig auf Vollständigkeit. Fehlte ein Stück und bliebe es in der Gebärmutter zurück, drohen Nachblutungen und Entzündungen. Diese Kontrolle ist der Grund, warum der Mutterkuchen nach der Geburt nicht einfach entsorgt, sondern erst einmal genau betrachtet wird.
Häufige Fragen
Was bedeutet es, wenn die Plazenta „verkalkt“?
Verkalkungen sind ein normaler Alterungsprozess des Mutterkuchens gegen Ende der Schwangerschaft. Im Ultraschall werden sie in Grade eingeteilt. Leichte Verkalkungen in den letzten Wochen sind kein Grund zur Sorge; nur bei ausgeprägten Veränderungen lange vor dem Termin schauen Ärztinnen und Ärzte genauer hin, ob das Kind noch gut versorgt wird.
Was passiert, wenn die Plazenta nicht richtig arbeitet?
Liefert die Plazenta zu wenig, wächst das Kind langsamer als erwartet. Aufgefallen wird das meist bei den Vorsorgeuntersuchungen über die Messwerte des Babys. Dann folgen engmaschigere Kontrollen, etwa mit Durchblutungsmessungen der Nabelschnurgefäße, und im Einzelfall kann eine frühere Geburt der sicherste Weg sein.
Kann man an der Plazenta erkennen, ob es dem Baby gut geht?
Indirekt ja. Größe und Wachstum des Kindes, die Fruchtwassermenge und die Durchblutung der Nabelschnur geben Hinweise auf die Versorgungsleistung. Deshalb sind diese Werte fester Bestandteil der Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft.
Stimmt es, dass manche Frauen die Plazenta nach der Geburt essen?
Ja, das kommt vor, etwa in Form von Kapseln aus getrockneter Plazenta. Einen belegten Nutzen gibt es dafür nicht, dafür aber hygienische Bedenken, weil das Gewebe Keime enthalten kann. Wer darüber nachdenkt, sollte das offen mit der Hebamme besprechen und sich nicht auf Werbeversprechen verlassen.
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