Der Begriff geistert durch Zeitungsartikel, Serien und Familiengespräche, oft unscharf, manchmal als Etikett für jeden, der lieber allein ist als auf Partys. Das Asperger Syndrom ist aber weder eine Marotte noch eine Modeerscheinung. Es beschreibt eine Form von Autismus, bei der Menschen die Welt nachweislich anders wahrnehmen: Reize kommen ungefilterter an, unausgesprochene Regeln sozialer Situationen erschließen sich nicht von selbst, und dafür sind Aufmerksamkeit für Details und vertiefte Interessen oft umso ausgeprägter.
Warum in aktuellen Arztbriefen trotzdem nur noch selten „Asperger“ steht und was die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung stattdessen bedeutet, klärt dieser Artikel, zusammen mit den Merkmalen, dem Weg zur Diagnose und der Frage, welche Unterstützung im Alltag tatsächlich ankommt.
Warum der Name verschwindet
Jahrzehntelang teilten Fachleute Autismus in Formen ein: frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus und eben das Asperger Syndrom, benannt nach dem Wiener Kinderarzt Hans Asperger. In der Praxis ließen sich diese Formen aber nicht sauber voneinander abgrenzen. Derselbe Mensch konnte in der einen Klinik die eine, in der nächsten die andere Bezeichnung bekommen.
Das Gesundheitsportal des Bundes beschreibt, dass man heute zunehmend nur noch von der Autismus-Spektrum-Störung spricht. Gemeint ist ein Kontinuum: Die gemeinsamen Merkmale sind überall vorhanden, aber bei jeder Person anders gewichtet, von stark unterstützungsbedürftig bis weitgehend selbstständig. In der ICD-10, die in deutschen Arztpraxen noch immer verwendet wird, findet sich das Asperger Syndrom weiterhin unter dem Code F84.5. Die neuere ICD-11 führt es nicht mehr als eigene Kategorie, sondern ordnet es dem Spektrum zu.
Für Betroffene ändert das am Alltag erst einmal nichts. Nur der Name auf dem Papier ist ein anderer geworden.
Merkmale, die immer wieder auftauchen
Kein Mensch mit dieser Diagnose gleicht dem anderen. Trotzdem gibt es Muster, die Fachleute in drei Gruppen sortieren.
Erstens das soziale Miteinander. Smalltalk in der Kaffeeküche, zwischen den Zeilen lesen, Ironie erkennen, all das läuft bei den meisten Menschen automatisch und kostet Konzentration bei Menschen im Spektrum, vergleichbar mit einer Fremdsprache, die man gut gelernt hat, aber nie mühelos spricht. Blickkontakt wird oft als unangenehm empfunden oder muss bewusst dosiert werden. Das wird von außen leicht als Desinteresse oder Unhöflichkeit missverstanden, ist aber fast nie so gemeint.
Zweitens die Kommunikation. Die Sprache selbst ist beim Asperger-Profil unauffällig bis überdurchschnittlich gut entwickelt, auffällig ist eher das Wie: sehr wörtliches Verstehen, ein Hang zu ausführlichen, präzisen Erklärungen, manchmal eine gleichförmige Sprachmelodie. Redewendungen wie „gleich platze ich“ können kurz für echte Irritation sorgen.
Drittens die wiederkehrenden Muster. Viele Betroffene haben ein oder wenige Spezialinteressen, in die sie tief eintauchen, Fahrpläne, Vogelarten, Programmiersprachen, historische Daten. Routinen geben Sicherheit, ungeplante Änderungen werfen den Tag aus der Bahn. Dazu kommt bei vielen eine ungewöhnliche Reizempfindlichkeit: Das Summen einer Neonröhre, das Etikett im T-Shirt oder die Geräuschkulisse einer vollen Kantine kann von lästig bis schmerzhaft reichen.
Was dabei leicht untergeht: Zu dem Profil gehören auch Stärken, die im Berufsleben zählen, etwa Genauigkeit, Zuverlässigkeit, ein gutes Gedächtnis für Fakten und die Fähigkeit, Muster zu erkennen, an denen andere vorbeischauen.
Bei Erwachsenen oft erst spät erkannt
Rund einer von hundert Menschen in Deutschland lebt mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Diagnostiziert wird bei Jungen und Männern etwa doppelt so häufig wie bei Mädchen und Frauen, was auch daran liegt, dass Mädchen ihre Schwierigkeiten oft länger und geschickter überspielen. Fachleute nennen das Masking: soziale Verhaltensweisen werden beobachtet, einstudiert und abgespielt, bis es von außen unauffällig wirkt und innen erschöpft.
Entsprechend viele Erwachsene erhalten ihre Diagnose erst mit dreißig, vierzig oder später, oft nach Jahren mit anderen Verdachtsdiagnosen wie Depression oder sozialer Angststörung, die nur einen Teil des Bildes erklärten. Für viele ist der Moment der Diagnose weniger Schock als Erleichterung: Endlich gibt es eine Erklärung, die die Biografie zusammenfügt, vom schwierigen Schulhof bis zur stillen Überforderung im Großraumbüro.
So läuft die Abklärung
Eine Diagnose stellt niemand per Online-Test. Sie gehört in spezialisierte Hände, bei Kindern in die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder ein Sozialpädiatrisches Zentrum, bei Erwachsenen in psychiatrische oder psychotherapeutische Praxen mit Autismus-Erfahrung, erste Anlaufstelle ist oft die Hausarztpraxis, die weitervermittelt.
Die Diagnostik nimmt mehrere Termine in Anspruch. Dazu gehören ausführliche Gespräche zur Entwicklung seit der Kindheit, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung und Testverfahren, bei Kindern ergänzt durch die Befragung der Eltern. Die fachlichen Vorgaben dafür stehen in der S3-Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen im AWMF-Leitlinienregister. Auch andere Ursachen müssen ausgeschlossen werden, denn manche Merkmale überschneiden sich mit ADHS, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen.
Ganz ehrlich: Die Wartezeiten für eine Erwachsenendiagnostik sind in vielen Regionen lang, mitunter über ein Jahr. Das ist frustrierend, aber kein Grund, bei Angeboten zu landen, die eine Diagnose gegen Geld ohne gründliche Untersuchung versprechen.
Welche Unterstützung es gibt
Autismus ist eine Entwicklungsbesonderheit, keine Krankheit, die man wegtherapiert. Behandlung zielt deshalb nicht auf Heilung, sondern auf Lebensqualität: Psychotherapie kann helfen, Stress zu steuern, soziale Situationen besser zu lesen und Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen zu behandeln, die im Spektrum überdurchschnittlich häufig sind. Für Kinder gibt es Frühförderung, Logopädie und Ergotherapie, für Schülerinnen und Schüler Nachteilsausgleich und Schulbegleitung.
Erwachsene profitieren oft von erstaunlich konkreten Dingen: einem ruhigen Arbeitsplatz, Absprachen in Schriftform statt zwischen Tür und Angel, reizarmen Pausen. Beantragt werden viele Leistungen über die Eingliederungshilfe beim Jugend- oder Sozialamt, ein Weg, den viele erst nach der Diagnose kennenlernen. Auch Selbsthilfeverbände und Autismus-Ambulanzen sind praktische Adressen, schon weil man dort Menschen trifft, bei denen man nichts erklären muss.
Bis hierher, aber eben auch mit einer Einschränkung: Unterstützung wirkt nur, wenn sie zur Person passt. Was dem einen den Alltag erleichtert, empfindet der andere als Bevormundung. Nachfragen schlägt Vermuten, bei anderen wie bei sich selbst.
Häufige Fragen
Ist das Asperger Syndrom dasselbe wie Autismus?
Es ist ein Teil davon. Das Asperger-Profil beschreibt Menschen im Autismus-Spektrum ohne Sprachentwicklungsverzögerung und ohne intellektuelle Beeinträchtigung. Weil die Grenzen zu anderen Autismus-Formen fließend sind, fassen Fachleute heute alles unter der Autismus-Spektrum-Störung zusammen.
Kann man das Asperger Syndrom heilen?
Nein, und das ist auch nicht das Ziel. Es handelt sich um eine angeborene, lebenslange Besonderheit der Wahrnehmung und Verarbeitung. Therapien und Unterstützung setzen dort an, wo Belastungen entstehen, etwa bei Stress, Reizüberflutung oder begleitenden psychischen Erkrankungen.
Ab welchem Alter lässt sich eine Diagnose stellen?
Bei Kindern ist eine verlässliche Diagnose etwa ab dem zweiten Lebensjahr möglich, deutliche Merkmale zeigen sich oft schon früher. Viele Betroffene mit dem Asperger-Profil werden aber erst im Schulalter oder als Erwachsene erkannt, weil ihre sprachliche Entwicklung unauffällig verläuft.
An wen wende ich mich bei einem Verdacht?
Bei Kindern ist die Kinderarztpraxis der erste Schritt, bei Erwachsenen die Hausarztpraxis oder direkt eine psychiatrische beziehungsweise psychotherapeutische Praxis. Von dort erfolgt die Überweisung an eine auf Autismus spezialisierte Diagnostikstelle. Selbsttests im Internet können höchstens ein Anlass sein, den Verdacht professionell abklären zu lassen.
Hinweis: Die Inhalte auf Blickly.de dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Sie ersetzen keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenden Sie sich bei gesundheitlichen Beschwerden immer an Ärztinnen, Ärzte oder andere qualifizierte Fachpersonen.

